Monatliches Archiv für März, 2017

heavy metal
kontaminierte Erden auf Papier

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Details, Erden auf Aquarellkarton, 2016/17
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Ausstellungsansicht, Galerie des OÖ-KV, 2018
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heavy metal, 2018
Buch zur Installation, Eigenverlag (realisiert mit einer Förderung des Landes OÖ)

Text: Georgia Holz
Der Boden unter unseren Füßen. Eine entgrenzte Topografie. Zu Maria Hanls Arbeit heavy metal (2018)

Wir leben in einer globalisierten Welt, die charakterisiert ist durch ein unauflösbares Geflecht von Ökonomien, kapitalistischen Bewegungen, permanentem Wachstum und einer kalkulierten Ausbeutungsmaschinerie, die nach wie vor kolonialen Prinzipien folgt. Alles steht mit allem in Beziehung, die Verstrickungen dieser Vorgänge scheinen zu komplex um noch fassbar zu sein, und doch sind wir alle Akteure in diesem System. Schlagworte wie Anthropozän, Ökologie ohne Natur oder New Materialism stehen für Diskursbildungen, die versuchen, diesen komplexen Problemfeldern gerecht zu werden, zu einer Debatte beizutragen und Begrifflichkeiten zu finden, die ein Erfassen des Status quo ermöglichen; ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen.
Der überfordernden Komplexität dieser globalen Vorgänge und der anscheinenden „Untragbarkeit der Wahrheit“ begegnet die Künstlerin Maria Hanl in der Arbeit heavy metal mit „simplen Bildern“, die das Bekannte assoziieren und so einen Beitrag zur Reflexion leisten. Sie nimmt einen vermeintlich kleinen Ausschnitt in den Blick, der doch mit allem in Verbindung steht und symptomatisch für globale wirtschaftliche Gebarungen und deren Logik des Profits ist: der Boden. Letztendlich geht es immer um territoriale Ansprüche, die Nutzung des Bodens, den Abbau von Rohstoffen, optimierte Landwirtschaft und die in Kauf genommenen Auswirkungen, die diese Nutzbarmachung in unserer Umwelt hinterlassen.
Als Ausgangsmaterial für ihre Arbeit heavy metal dienen Maria Hanl Bodenproben, vorwiegend aus Europa und Afrika, von der Mongolei bis Sambia, die mit Schwermetallen kontaminiert sind. In Anlehnung an Keramikfliesen hat sie für den jeweiligen Boden Musterschablonen entworfen, mit denen sie die Erde auf Aquarellkarton aufbringt. Der Kulturboden trifft auf den vermeintlichen Naturboden. Den Bildern gegenübergestellt sind die GPS-Koordinaten der Orte der Entnahme, die jeweilige Bodenart (z.B. Grünland, Acker- oder Industrieboden etc.) und Daten zu Grad, Menge und Art der Belastung. Die Daten sind für Laien zu abstrakt, um daraus konkrete Schlüsse ziehen zu können, aber in Wahrheit ist es auch nicht wichtig zu wissen, woher genau die Proben stammen, da wir inzwischen die Gewissheit haben, dass weltweit kaum mehr ein Flecken Erde existiert, der unberührt und nicht vom Menschen beeinflusst ist. Neben den Fliesen, als alte Kulturtechnik ein Symbol für kulturellen Boden schlechthin, verweisen die technischen Daten auf ein globales, wirtschaftliches System, das durch Streben nach Optimierung und permanentem Wachstum alles auf zerstörerische Weise durchdringt.
Maria Hanl geht es nicht darum, ästhetische Bilder für schwer zu fassende Entwicklungen zu finden, sondern darum, das Dilemma unserer Involviertheit, der wir uns ohnehin nicht entziehen können, sichtbar zu machen. Die Künstlerin arbeitet gegen unsere „Verdrängungskultur“, wie sie es nennt, an. Sie sensibilisiert uns über vertraute Bilder dafür, dass auch das vermeintlich Nahe und Lokale längst irreversibel von globalen Mechanismen vereinnahmt wurde, für die die Freisetzung toxischer Substanzen nur die kalkulierbare Nebenwirkung einer angemessenen Methode und der rationalsten Lösung für ein spezifisches Problem ist.

time capsules
Unter dem Begriff der Zeitkapsel versteht man im strengeren Sinn einen Behälter, in dem zeittypische Dinge für eine bestimmte Zeit verschlossen werden, um sie für nachfolgende Generationen zu bewahren und zu dokumentieren. Diese Objekte sind meist von geringem materiellen Wert und sollen die Vergangenheit sichtbar und spürbar machen.
Diese Vorstellung einer materialisierten Lebenszeit wird in den Arbeiten time capsues aufgegriffen. Denn anhand von Dingen gestaltet der Mensch nicht nur seine Welt, er baut mit ihnen auch ständig seine Identität auf. Auf eine gewisse Weise verleibt er sich Dinge ein und macht sie zur Verlängerung seines Ichs. (Persönliche) Dinge sind es, die übrigbleiben, wenn ein Mensch diese Welt wieder verlässt. Die installativen Anordnungen erzählen von der menschlichen Fragilität und den Bemühungen in Form von Materialität weiterzubestehen. Das Vergehen von Zeit und die Endlichkeit allen Lebendigen ist hier keine Tragödie. Es handelt sich vielmehr um eine poetische Reflexion.

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materialisierte zeit, Fotografie, Größen variabel, 2014/17
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erosion, Tisch, Puzzle, 2014/16
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time capsules, Rauminstallation: Fotografie, Objekte, Video
Ausstellungsansicht: masc foundation 2016

schizophrenia
Den unter diesem Titel versammelten Arbeiten wohnt eine Spaltung inne. Was zunächst als zarter Stern erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung der Wandinstallation schizophrenia als Anordnung von gemalten Bomben bzw. schwerem Kriegsgeschütz. Die zarte Erscheinung und die inhaltliche Aufladung gehen hier diametral auseinander. Die äußere Erscheinung vollführt mit ihrer offensichtlichen Ästhetik ein Täuschungsmanöver und macht dem Betrachter, der Betrachterin etwas vor.
“Hanls Arbeit verunsichert. Unserer Wahrnehmung, unserer Sicht auf die Welt ist nicht zu trauen. Vieles ist oft nicht so, wie es scheint, und ein zarter Stern kann sich als grausames Mordinstrument erweisen” (Günther Oberhollenzer, in: Andere Geschichten, Hg. Künstlerhaus, Wien 2017). Ein weiterer Aspekt, der in dieser Arbeit steckt, ist die Fassade, die schöne Form. Ein Versuch, Tatsachen zu verdrängen, um mit der Komplexität und den Widersprüchen in der heutigen Gesellschaft zurechtzukommen. Die Fülle an Informationen, die den modernen Menschen überflutet, führt nicht zwingend zu mehr Wissen und Aufklärung, sondern oft im Gegenteil zu mehr Desinformation, Unsicherheit und Ängsten. Die Videoarbeiten, Installationen und Objekte sind Inszenierungen apokalyptischer Vorstellungen verbunden mit diffusen Ängsten und Mechanismen ihrer Verdrängung.
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Ausstellungsansicht: Andere Geschichten, k-haus 2017
Wandinstallation, 360 x 500 cm, Aquarell auf Papier, Metall (Fertigstellung im Rahmen der AIR des Landes OÖ in Cesky Krumlov, CZ, 2016)
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fleurs du mal, Installation: Fotografie, Metall, Magnet, Vase, Digitaldruck auf Textil, 2016